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Von Tenerife nach Gran Canaria


Mittwoch, 31.10.2007 (165. Tag)

Eigentlich hätten wir gestern Abend unseren Panda abgeben müssen, aber da der Wind momentan in Sturmstärke aus NO weht, sinkt unsere Motivation dagegen an nach Gran Canaria zu knüppeln mit jedem Pfeifen in den Wanten. Mit Marion und Uwe konnten wir deshalb zwei weitere Miettage vereinbaren, was wieder völlig unkompliziert über die Bühne ging. Sie gaben uns außerdem noch einen heißen Sightseeing-Tipp: Die Masca-Schlucht im Nordwesten der Insel.
Auf dem Weg zur Schlucht fahren wir über Los Gigantes. So heißen auch die mehrere hundert Meter hohen Felswände, die nördlich davon senkrecht ins Wasser fallen. Ein ziemlich beeindruckender Anblick, den wir uns allerdings besser vom Boot aus angesehen hätten. Der Ort ist Touristik pur. Ein Hotel neben dem anderen klammert sich an die Berge und anstatt im Meer zu baden, nutzt man den nach Fäkalien stinkenden Pool direkt vor der Küste.
Die Masca-Schlucht ist zwar auch ein touristischer Magnet, doch die Straße überwindet in zig Serpentinen enorme Höhenunterschiede, so daß sich der Trubel verläuft. An einer Kehre machen wir unser obligatorisches Picknick und genießen die Aussicht, die wirklich beeindruckt. Ich lasse interessehalber einen Stein den Hang hinunter kullern, was mir allerdings einen Anschiß von Steffi einbringt. Dabei ist da unten auf der Straße doch gar nichts los...

Achterbahnfahrt durch die Masca-Schlucht.


An der Nordküste angekommen biegen wir links ab. Wir wollen zum Punta Teno, der nordwestlichsten Ecke Tenerifes. Nach ein paar Bananenplantagen tauchen große gelbe Schilder in verschiedensten Sprachen auf, die einen dazu drängen umzudrehen, da die kommende Straße aufgrund des Steinschlags nur auf eigenes Risiko befahren werden darf. Unsere Selbstbeteiligung von 150 EUR würde bei einem Treffer sicher nicht ausreichen, aber die Aussicht auf die schmale Straße, die sich spektakulär an den senkrechten Klippen entlang windet weckt unseren Abenteuergeist und wir fahren weiter.
Kurze Zeit später bereut Peter seine Entscheidung bitter. Die Straße ist genau so spektakulär wie sie aus der Ferne aussah und da er hinten rechts sitzt, hat er immer gnadenlos "tolle" Ausblicke in die Tiefe neben uns. Uns, die vorne sitzen, machen dagegen die zahlreichen Steinreste auf der Straße Sorgen. Aus den Klippen, die teilweise über die Straße hinaus hängen, scheint so einiges an Steinen herab zu regnen.

Es locken die süßen Kaktusfeigen.


Am Kap angekommen genießen wir die Ausblicke und die meterhoch aufspritzende Gisch der Brandung, während wir die Küste entlang spazieren. Marion hatte uns gestern gesagt, dass man auch die lilafarbenen Früchte der Ohrenkakteen essen könnte. Sie schmecken etwas säuerlicher als die roten und ein wenig nach Gummibären. Allerdings stören mich auch hier wieder die Massen an Kernen, so dass ich nach einer Frucht aufhöre. Peter und Steffi lassen sich dagegen nicht abschrecken und obwohl diese Früchte weniger Stacheln haben, ziehen wir sie uns später wieder gegenseitig mit der Pinzette meines schweizer Taschenmessers aus den Lippen und Zungen.

Wir ziehen uns die bitteren Folgen des Kaktusfeigengenusses.


Nachdem auch der letzte hartnäckige Stachel unter Peters Zunge gezogen ist, schnorcheln wir noch ein wenig vor der Kulisse der Felswände und schießen wieder was das Zeug hält:

Schnorcheln vor den Klippen von Los Gigantes.


Trompetenfisch.


Sepias sind schwer zu entdecken, da sie ihre Farbe dem Untergrund anpassen.


Dornen- oder Eisseestern.



Donnerstag, 01.11.2007 (166. Tag)

Tenerife haben wir inzwischen abgegrast und nutzen somit den letzten Tag mit unserem Mietwagen zum Einkaufen. Außerdem bringen wir mal wieder Ordnung ins Boot, so daß wir morgen sehr früh aufbrechen können. Der Wind pfeift immer noch in den Wanten, aber schon bedeutend schwächer als gestern und da sich das Wetter weiter beruhigen soll, werden wir morgen für die Überfahrt wohl gute Bedingungen haben.

Schnorcheln gehört inzwischen zu unseren Lieblingsbeschäftigungen.


Nachmittags fahren wir wieder zum Strand am Montana Roja, unserem Lieblingsort zum Schnorcheln. Drei Yachten liegen vor Anker und wir tauchen sie erstmal der Reihe nach ab und schauen uns die Ankergeschirre an. Es ist erstaunlich, was die Ketten im sand veranstalten. Von jedem Anker ziehen sich fächerförmige Spuren, wenn die Kette beim Schwojen den Boden umgräbt. Kein Wunder, dass Naturschützer ankernden Yachten nicht so ganz entspannt gegenüberstehen.. Interessant ist auch, dass sich die Ketten teilweise bis zum Anker vom Boden lösen, wenn sich das Boot im Schwell bewegt. Leider treffen wir niemanden an Bord an, um nach der Länge der Kette zu fragen. Ein paar Meter mehr hätten es auf jeden Fall sein dürfen.

Dieser Bruceanker hält zwar noch, aber die Kette schwebt ab und zu bis zum Anker im Wasser.


Zurück an den Steinen finden wir Massen von Seehäschen. Das sind Schnecken, die auf ihren Rücken lappenartige Ausstülpungen haben und damit entfernt an Hasen erinnern. Sie glitschen den Fels entlang und ernähren sich von den Algen. Es gehört zwar nicht zur feinen Art, sie dabei zu stören, aber wenn man vorsichtig ist, kann man sie vom Fels lösen und die Hand entlang "krabbeln" lassen. Beim Streicheln fühlen sie sich unglaublich zart an, uns war allerdings nicht klar, was sie davon halten.

Ein junges Seehäschen "küßt" meine Hand.



Freitag, 02.11.2007 (167. Tag)

Der Wecker von Peters Handy holt uns um 6:00 unsanft aus dem Schlaf. Wir wollen rüber nach Gran Canaria und um rechtzeitig aus der Düse vor Tenerife heraus zu sein, machen wir uns so früh auf den Weg. Beim Spülen kommt dann die Erkenntnis: Peters Handy steht noch auf deutscher Zeit, es hat uns also in Wahrheit um 5:00 geweckt. Jetzt ist allerdings schon alles bereit, wir verlassen also um 6:30 den Hafen, Kurs 102 Grad nach Porto de Morgan.
Zum ersten Mal, seit wir auf Tenerife sind, sehen wir Gran Canaria. Die Konturen der Insel heben sich deutlich gegen die aufgehende Sonne ab, verschwinden dann jedoch schnell wieder im Dunst.
Nach einer Stunde zieht der Wind auf 5 Bft an. Wir reffen und kämpfen uns weiterhin hoch am Wind nach Osten. Fals es die Richtung zuläßt, wollen wir versuchen in einem Schlag nördlich der Insel entlang zu fahren. Die Wellen sind hier draußen gut 2 m hoch und relativ steil. Apelia bockt und stampft und nachdem ich den Vormittag steuernd durchgehalten habe, reicht es mir irgendwann und haue ich mich runter in die Koje. Ich bin zwar nicht richtig seekrank, aber hundertprozentig gut geht es mir auch nicht.
Steffi und Peter sind dagegen völlig fitt und Peter steuert uns den Rest des Tages sicher zwischen einem Bulker und einem Fischerboot hindurch. Als ich später wieder halbwegs auf dem Dampfer bin und in der Plicht sitze, fliegt knapp vor uns in etwa 3 m Höhe ein hellblauer und komischerweise naß glänzender Vogel entlang. Er ist so groß wie eine Seeschwalbe, hat ähnlich schlanke Flügel und einen gegabelten Schwanz. Steffi entdeckt ihn zuerst und als ich ihn sehe, wundere ich mich, welcher Vogel wohl so bescheuert fliegt. Peter klärt uns darüber auf, dass wir hier unseren ersten fliegenden Fisch sehen. Er hat wohl einen Megasprung gemacht, denn er segelt wirklich sehr hoch durch die Luft, fliegt eine Kurve und verschwindet weit voraus zwischen den Wellenkämmen. Ich habe keine Ahnung, ob diese Fische um Gran Canaria öfter vorkommen, oder ob wir sie bisher einfach übersehen haben, aber ab diesem Moment sehen wir sie öfter. Mal sehen, ob wir es irgendwann auch mal schaffen, einen fliegenden Fisch in der Luft zu fotografieren.
Der fliegende Fisch ist alelrdings nicht das einzige Kurriosum auf dieser Fahrt: Wenig später, ich dämmere gerade mal wieder ein wenig vor mich hin, rappelt es im Rigg und hören wir ein klagendes Krächzen. Ein Sturmvogel war wohl etwas zu draufgängerisch und ist im Vorbeiflug von unserer Mastspitze erwischt worden. Scheinbar hat er sich aber nichts getan, denn er fliegt einfach weiter. Auch im Mast sieht alles gut aus, die Antenne hat ja auch schon vorher ihre Zicken gemacht.
Da die Windrichtung keinen Anlieger auf die Norspitze von Gran Canaria zuläßt, fallen wir mittags auf halben Wind ab und halten auf Porto Morgan zu. Gemäß des Imray Hafenführers soll man einen Abstand von 2 nm zur Steilküste einhalten, um dem Lee der Insel zu entgehen. Ich will Peter gerade unseren Windpilot vorführen, da schaltet irgend jemand den Wind aus. Von einer Minute auf die andere hat der Wind von 4 Bft auf nahezu 0 abgenommen, so daß Apelia hemmungslos in den Wellen rollt. Wir haben das Lee von Gran Canaria erreicht und da diese Rollerei so gar nicht unser Ding ist, starten wir den Motor und halten weiter auf die Küste zu. Dicht unter Land kommt dann wieder eine Brise auf. Wir müssen wieder hoch an den Wind, diesmal aber auf dem anderen Bug und klemmen uns wieder unter Segel dicht unter Land weiter. Das geht nicht so schnell wie vorher, aber dafür genießen wir an Backbord das volle Sightseeing-Programm, denn die Küste kann sich hier noch sehen lassen. Unberührte Klippen stürzen ins Meer und in den tiefen Schluchten findet sich maximal die ein oder andere von Hippies bewohnte Bruchbude.
Um 17:30 erreichen wir nach 11 h Porto Morgan, angeblich einer der schönsten und teuersten Häfen der Kanaren. Angeblich, denn wie meist, entpuppt sich diese Aussage wieder als sehr relativ, bzw. betrachterabhängig. Für uns sind die 15 EUR Liegegebühr völlig in Ordnung. Das ist hier der Standard und im Gegensatz zum spanischen und portugiesischen Festland günstig. Die Stege sind zwar ziemlich schrottig, es wimmelt von Kakerlaken und es gibt nur zwei Duschen und ein (!) Klo für alle, aber auf den ersten Blick, liegt der Hafen wirklich schön, mitten im Stadtzentrum.
Beim Rundgang entpuppt sich das "Stadt-Zentrum" dann aber als reinste Touristenhochburg. Die Appartments sind zwar nett und relativ unauffällig, aber spanisch sprechen hier die wenigsten und gleich neben dem "Fisch Spezialitäten Restaurant" finden wir die "Deutsche Konditorei". Auf dem Wasser sieht es nicht anders aus. Eine deutsche Fahne neben der anderen, aber es sind alles nur Yachtschulen und Charterbratzen, die hier ihren Crew-Wechsel machen.
Unsere Auberginen sind vergammelt, also gehen wir in die vielversprechende Tapasbar. Was man dort geboten bekommt ist dann aber ein überteuerter Witz und nachdem ich auf dem Weg zum Klo einen Blick in die Küche geworfen habe, überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht noch was anderes als nur Urin im Becken lassen soll. Für den Nachtisch wechseln wir zu einem nagelneuen (eindeutig deutschem) Laden, dessen Personal leider noch sowas von überfordert ist, dass nur Peter und ich unser (exzellentes) Eis bekommen und Steffi vergeblich auf ihre frisch gebackene Waffel wartet.
Zwischen den Charterbratzen gibt es im Hafen noch viel interessantes zu sehen und so spazieren wir zum Abschluss noch die Mole entlang. Ganz am Eingang liegt ein 100 ft Monstrum und wir fragen uns, wer sich sowas leisten kann und was man mit so einer Schüssel eigentlich macht. Tags drauf wird ein Besatzungsmitglied bis zur Mastspitze hochgewinscht und hier zeigt sich nochmal, wie unglaublich groß alles ist. Der Mast ist dort oben noch immer breiter als ein Mensch, der etwas dann auch etwas verloren daneben herumbaumelt.

Peter liest mit seinem LED-Licht.



Samstag, 03.11.2007 (168. Tag)

Schon auf Teneriffe war Apelia täglich stärker mit Staub und Sand eingesaut und heute nutzen wir den Morgen zum ausgiebigen Bootsputz von innen und außen. Danach glänzen sowohl die Bilge als auch das Deck und wir fühlen uns sofort wohler. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich ein verdrecktes Boot auf die Psyche auswirkt.
Nachmittags wollen wir schnorcheln. Direkt neben dem Stadtstrand beginnen die Felsklippen, an deren Fuß wir entlang schwimmen wollen. Nach ein paar Metern dreht Steffi dann allerdings um, da ihr das Wasser zu dreckig ist. Damit hat sie absolut recht, es treiben wirklich viele Schwebestoffe im Wasser herum und am Grund liegt eine Menge Müll. Ich mache mir Gedanken über die kanarischen Kläranlagen und umschließe meinen Schnorchel unwillkürlich noch etwas fester mit den Lippen. Nachher auf jeden Fall duschen!

Wahrscheinlich ein Dornenseestern.


Weiter draußen ist die Sicht besser und Peter und ich schwimmen die Felsen entlang, bis fast zum nächsten Ort. Dort begegnet uns dann plötzlich ein Kollege von James Bond. Er trägt auch einen Schnorchel, endlos lange Flossen und einen Neoprenanzug in Tarnfarben. In der Hand, wie könnte es anders sein, eine gut 1,5 m lange Harpune und hinter sich her zieht er eine Taucherboje, unter der seine bisherige Beute hängt, eine durchlöcherte Sepia. Der Anblick dieses kleinen, feingemusterten Tierchens berührt mich irgendwie und ich schaue ihm gerade nach, als der Typ langsam abtaucht und mit einem kurzen "Klack" eine weitere Sepia schießt.
Wir angeln auch vom Boot und harpunieren ist sicherlich noch besser, da selektiv gejagt wird. Trotzdem wirkt das ganze ziemlich roh und wie sich dort drüben das Wasser blau vor Tinte färbt, schnorchele ich lieber weiter. Ich gucke mir lieber lebendige Tierchen an.

Goldstriemen lassen einen immer nah heran. Fühlen sich wahrscheinlich stark, so als Schwarm.


Zurück am Boot erwartet uns eine fröhliche Steffi. Sie hat sich heute ihre Waffel zusammen mit einem Filterkaffee gegönnt, eine für uns momentan eher seltene Wohltat. Den Rest des Tages verbringen wir mit Lesen und lassen die Seelen baumeln. Die einzige Aufregung kommt um Mitternacht auf, als ich ein Buch aufhebe und darunter eine wild herumrennende Kakerlake entdecke. Sie ist von der kleinen Art, die evtl. fliegen können und hat wohl auch so ihren Weg ins Boot gefunden. Bei Wikipedia haben wir inzwischen gelesen, dass Kakerlaken zu den am schnellsten krabbelnden Insekten gehören. Das bestätigt sich hier, denn in der ganzen Aufregung bekomme ich mit Mühe und Not ein Glas über sie gestülpt. Als Steffi es draußen ausleert befindet sich dann auch keine Kakerlake mehr darin. Wo sie unterwegs geblieben ist, ist unklar.
So wie es aussieht, haben wir jetzt erstmal gegen die Invasion verloren. Doch in der Bilge stehen zwei Fallen und mit viel Putzen werden wir den Kampf angehen. Das ganze beschäftigt mich allerdings so stark, dass ich ab jetzt nachts manchmal aufschrecke und meine, Kakerlaken zu sehen. Doof.

Das manche Kakerlaken auch fliegen können wurde uns etwas zu spät klar.



Sonntag, 04.11.2007 (169. Tag)

Unseren Platz müssen wir heute räumen, weshalb wir beschließen weiter an der Küste entlang zu segeln. Die nächsten 10 nm löst ein Hafen den anderen ab, danach kommt dann aber der 35 nm Sprung bis Las Palmas.
Draußen weht sehr wenig Wind und das Wasser ist so gut wie spiegelglatt. Das ist mehr wie Segeln am Bodensee (ich weiß, "das ist ein ganz gefährliches Revier...") und haben wir hier unten noch nie gesehen. Sogar bis in die geschütztesten Ecken breitet sich der Schwell normalerweise aus.
Es ist heiß und mit im Schnitt nur 2 kn schleichen wir dicht unter Land dahin. Damit haben wir einen perfekten Ausblick auf eine Insel, die dem Tourismus den Vortritt vor allem anderen gelassen hat und der damit jegliche Sehenswürdigkeit fehlt. Unser Fazit für Gran Canaria ist eindeutig: "Nicht besuchenswert".

Mangels malerischer Küste fotografieren wir malerische Mannsbilder.


Nachmittags kommt Maspalomas vor uns in Sicht. Dahinter soll es Wanderdünen geben, weshalb wir den Hafen von Pasito Blanco anlaufen. Schön sieht Maspalomas aus. Ein altes Dörfchen hinter dem Leuchtturm mit zwei (!) großen Kirchen und dazwischen hier und da mal einer modernen Architektur. Das wollen wir gerne mal aus der Nähe sehen, wundern uns aber schon im Hafen über dessen Sterilität. Die Häuser die um das Hafenbecken herum stehen sind alles nur Ferienappartments und auf dem dahinterliegenden Golfplatz findet man natürlich auch nur Touristen. Da wir außerdem um den ganzen Golfplatz herumlaufen müßten, um in den Ort zu kommen, rufen wir uns ein Taxi und erleben die erste Überraschung: Der Fahrer spricht deutsch mit eindeutig sächsischem Akzent. Im "Dorf" dann die zweite Überraschung: Das sind alles nur Hotels. Nicht ein altes Gebäude ist zu sehen und selbst die vermeintlichen Kirchen sind schnöde Hotels und Konsumtempel. "Ureinwohner" sucht man vergebens und Deutsch dominiert. Wir fühlen uns völlig verloren und flüchten uns an den Strand, wo wir dann auch tatsächlich die Wanderdünen finden.
Zum Abendessen nutzen wir den deutschen Einfluss. Steffi ißt Bratwurst und ich Schnitzel mit Pommes. Wir holen uns die Sachen im Takeaway und "genießen" es am Strand.
Auf der Rückfahrt kutschiert uns ein junger Argentinier. Seine E-Klasse hat über 900.000 km auf dem Buckel und wir blödeln ein wenig darüber. Beim Aussteigen öffnet er dann Steffi galant die Tür und fragt ganz offen nach ihrer Telefonnummer. Hat 'se nich', gibt 'se nich' und wenn er nicht aufpaßt, sieht er bald so aus wie seine E-Klasse. Naja, ganz so war's nicht. Mangels Nummer löst sich das Problem automatisch.


Montag, 05.11.2007 (170. Tag)

Für die kommenden zwei Tage holen wir uns einen Mietwagen und da wir ein paar Bootssachen kaufen wollen (allem voran ein Dinghy) fahren wir als erstes nach Las Palmas. Dort versammelt sich ab jetzt die Flotte der ARC (Atlantic Ralley for Cruisers), einer lockeren Regatta von hier nach St Lucia. Ein paar Boote nehmen das Rennen ernst, doch der Grundgedanke besteht darin, dass man im Pulk hinüber segelt und damit mehr Sicherheit hat.
Wir nehmen nicht daran teil, da wir den Abfahrtszeitpunkt lieber frei wählen (ARC: 25.11.), auf den Kapverden langgucken und in Barbados anlanden wollen. Das Problem ist damit allerdings, dass die Marina von Las Palmas für uns gesperrt ist. Sie hat schon damit zu kämpfen, die 250 ARC-Schiffe unterzubringen, alle anderen dürfen somit neben dem Hafen ankern und bei der Ankunft sehen wir ein schier aus den Nähten platzendes Ankerfeld. Da wird es schwierig, in zwei Tagen ein freies Plätzchen zu finden, um Peter abliefern zu können.
Aber egal, bevor wir uns hier große Gedanken machen, besuchen wir Judith und Sönke, die als ARC-Teilnehmer in der Marina liegen. Seit Lissabon haben wir uns nicht mehr gesehen, es gibt also viel zu tratschen und es fällt schwer, sich zwischendurch für die Einkaufsrunde wieder an Land zu begeben. Vor allem, da sich Sönke einen erstklassigen Tapasteller aus dem Ärmel zaubert.
Im Gegensatz zu allen anderen Kanaren-Häfen ist die Infrastruktur hier das wahre Paradies. Mehrere Bootsausstatter reihen sich aneinander, natürlich auch ein Segelmacher und auch ein Tauchladen. So werden wir nach und nach fündig und kaufen unter anderem ein neues Dinghy von Plastimo. Es ist nicht das kleinste, aber das größte, was wir für kurze Etappen auf dem Vordeck unterbringen können ist auch nur 2,2 m lang. Dafür ist es zusammengepackt ein riesengroßer Oschi. Wir trauern unserer alten, orangenen Gummiwurst nach, die sich auf ein Viertel der Größe aufrollen lies.
Im Tauchladen frage ich nach meinen zahlreichen Anläufen ohne große Hoffnung nach einer Brille mit geschliffenen Gläsern und werde zu meiner Überraschung fündig. Die Bestellung dauert eine Woche, aber da wir hier zum Proviantieren sowieso nochmal langschauen wollen, bestelle ich sie.
Wir legen noch einen Abstecher zum Hafenbüro ein, um vielleicht doch noch einen Liegeplatz zu ergattern. Dabei kommen wir an der Mole mit den dicken Dingern vorbei. Riesengroße Segelyachten, manche gut 100 ft lang und von klassisch bis minimalistisch modern ist alles dabei. Eine unglaubliche Ansammlung von Kapital schwimmt da herum.
Der Hafenmeister nimmt uns dann leider jegliche Hoffnung. Es sei nicht mal mehr Platz für ein Kanu und der Rest sei für die ARC reserviert. Schade, wir hatten uns wirklich Hoffnungen gemacht, dass wir mit unserem Zahnstocher noch irgendwo dazwischen passen. Auch Judith und Sönke hatten sich schon Gedanken gemacht, ob wir nicht noch neben ihnen Platz hätten. Sie haben den ersten Platz am Steg, aber bei Niedrigwasser ist auf ihrer Landseite einfach nicht mehr genug Tiefe neben ihnen.
Wir hatten es nicht so geplant, aber Sönke verwöhnt uns abends mit einem erstklassigen Reisgericht und es wird ein längerer Abend, bei dem wir unsere Platzsorgen locker zur Seite schieben können. Danke, Ihr beiden für die erstklassige Bewirtung und den seelischen Beistand! Trotzdem schiebe ich auf dem Heimweg ein wenig Frust, den Steffi und Peter stoisch ertragen. Was habe ich für gute Mitsegler.

Der Hafen ist voll...


...und auch das Ankerfeld platzt aus allen Nähten.


Und was hier geplatzt ist, wissen wir nicht. Vielleicht ein Traum.



Dienstag, 06.11.2007 (171. Tag)

Vormittags flicken wir das alte Dinghy und machen es verkaufsklar. Ich hätte es auch verschenkt, aber Peters Geschäftssinn empfiehlt uns, es für einen günstigen Preis in Las Palmas auszuhängen. Steffi legt derweil einen kleinen Stunt ein und versenkt beim an Bord gehen einen Topfdeckel. Der Versuch, ihm blitzschnell nachzutauchen mislingt leider, Steffi liegt also im Bach und der Topfdeckel auf 6 m Tiefe in der trüben Hafenplörre.
In trübe Tiefen tauchen finde ich alles andere als attraktiv und auch Steffi ziert sich. Also ziehe auch ich mir meinen Schnorchelkram an und versenke den Anker vom Dinghy als Lot auf den Grund. Um ja keinen Ekel aufkommen zu lassen (wir hören morgens immer das Pumpklo unseres Nachbarn) tauche ich ohne auf Steffi zu warten ab, folge der Ankerleine und sehe nach zwei Metern direkt daneben den Ankerdeckel leuchten. Wir haben also Glück und beim Auftauchen genieße ich den Blick auf Apelias Unterwasserschiff. Von unten ist das Wasser doch nicht so trübe.
Da wir schon im Wasser sind, nutzen wir den Rest der Zeit um das Log und den Propeller von Seepocken zu befreien. Sie sind noch klein und mit einem Spachtel und einer Bürste ist es schnell erledigt. Danach wollen wir möglichst schnell duschen, aber der Golfplatz oben scheint sein Gras zu bewässern. Aus den Duschen kommt gar nichts und aus dem Schlauch am Steg tröpfelt ein einsames Rinnsal. Da der Ekel vorm Hafenwasser überwiegt, begnügen wir uns damit.

Stegdusche, mangels Wasserdruck.


Da uns Las Palmas und die Küste bisher nicht sonderlich gefielen, fahren wir heute mit dem Mietwagen ins Landesinnere. Stundenlang ringelt sich die Straße bergauf, dabei ist der höchste Punkt der Insel nur etwa 1900 m hoch.
In einem richtigen kleinen Bergdorf kaufen wir im Mini-Supermarkt ein und picknicken zwischen den palavernden Alten in einer Ecke des Kirchenvorplatzes. Er ist baumbestanden, angenehm kühl und wir genießen die ursprüngliche Atmosphäre, ohne große touristische Einflüsse. Ich weiß, es ist paradox. Auch wir sind Touristen, aber am liebsten entfliehen wir dem Einfluß unserer "Kollegen", sind dabei aber genau das, was wir meiden wollen. Wie nennt man sowas? Das individualtouristische Paradoxon? Eine Lösung gibt es dafür jedenfalls nicht.
In der Mitte der Insel stellen wir das Auto neben unseren ganzen "Kollegen" ab und stapfen wie es sich gehört zum höchsten Punkt der Insel.

Neben dem höchsten Punkt der Insel.


Nachmittags, nach vielen Kurven, die uns am Ende nur noch nerven, erreichen wir die Nordküste und haben die Insel damit gequert. Wir biegen rechts ab und fahren wieder nach Las Palmas, um dort den Abend zu verbringen.
Peter will unbedingt zum Real Club Nautico, dem königlichen Yachtclub, wo Helge und Christian und Konsorten im Winter ihre F18-Trainings absolvieren. Nach ihren Erzählungen ist es der vornehmste Ort, den man sich vorstellen kann, wo einem die Marineros sozusagen mit weißen Handschuhen die Boote aus dem Wasser holen.
Steffi kommt auf die kecke Idee, auch dort nach einem Liegeplatz zu fragen. Bevor wir diesen Frontalangriff starten, leiten wir das Gespräch mit Fragen zu den Terminen für das kommende F18-Training ein. Die Madame ist nett, spricht deutsch und gibt breitwillig Auskunft. Zeit, um die Daumenschrauben anzuziehen und vorsichtig zum Angriff überzugehen. Madame bleibt dabei ganz freundlich und geht nach hinten zum Büro des Hafenmeisters. Es folgt eine längere Unterhaltung auf spanisch, aber die aufkeimende Hoffnung hat leider keine Chance: Alles von der ARC ausgebucht.

Senor Pedro is not amused.


Peter will sich hiermit noch nicht geschlagen geben und fragt beim Hinausgehen an der Rezeption, ob wir uns trotzdem mal das Gelände ansehen dürften. Der Blick des Portiers spricht Bände. In den königlichen (=Real) Yachtclubs tummelt sich normalerweise nur die spanische Oberschicht, die extrem auf Etikette achtet. Er taxiert unsere kurzen Hosen, mein abgeranztes T-Shirt und vor allem meine nackten Füße in Sandalen mit einem abschätzigen Blick, ist dann aber wohl der Meinung, dass die Schnittmenge aus uns so gerade eben annehmbar ist und läßt uns hinein. So dürfen wir uns also noch die Heiligtümer ansehen.
Den Abend verbringen wir in der Altstadt, die richtig schön hergemacht, allerdings völlig tot ist. Hierher verschlägt es scheinbar keine Touristen und wir sind froh, vor einer gemütlichen Kneipe im Freien zu sitzen und die abendliche Stille in lokaler Gesellschaft genießen zu können. Inmitten dieses Molochs hätten wir keine derartig friedliche Ecke erwartet.


Mittwoch, 07.11.2007 (172. Tag)

Trotz des vollen Hafens wollen wir heute nach Las Palmas segeln und doch nochmal unser Glück im Hafen versuchen. Zur Not gehen wir dann halt vor Anker, Hauptsache Peter bekommt übermorgen seinen Flieger zurück in die Heimat, obwohl ihm der Sinn so gar nicht danach steht.
Als wir nach der Rückgabe des Mietwagens zurückkehren, sehen wir als erstes das Rettungsboot im Hafen manövrieren. An der Außenmole liegt außerdem ein Polizeiboot und erst bei genauem Hinsehen wird uns das sich hier abspielende Drama bewußt: Neben der Polizei liegt ein Flüchtlingsboot. Eine 15 m lange offene Schale mit einem Außenborder. Darin sitzen gut 50 Menschen, die allem Anschein nach völlig fertig sind und nacheinander von Bord geholt werden. Auf der Mole stehen weitere Polizisten und Mitarbeiter des roten Kreuzes, die jeden fotografieren, mit frischer Kleidung versorgen und in einen der bereitstehenden Kleintransporter führen. Das Rettungsboot spielt hier nur noch den Einschüchterer und rangiert mit viel Lärm auf und ab.
Die Szene ist völlig grotesk: Auf der einen Seite diese alles andere als seetüchtige Nußschale, voller Flüchtlinge, die außer ihrem Leben rein gar nichts besitzen und direkt daneben eine 100 ft Yacht, die mehrere Millionen Euro kostet. Das Bild prägt sich tief bei uns ein und den Rest des Tages sind wir niedergeschlagen und fragen uns, wie es den Flüchtlingen wohl ergehen mag.

Ankunft eines Flüchtlingsboots.


Wie verzweifelt muß man sein, um derartige Strapazen und Risiken auf sich zu nehmen? Wie unglaublich elend muß es den Leuten gehen? Sie haben nichts. Natürlich keine materiellen Güter, aber in diesem Moment auch überhaupt keine Perspektive. Sie sind erwischt worden und werden höchstwahrscheinlich abgeschoben. Wahrscheinlich sind sie in diesem Moment allerdings froh, wenigstens mit dem Leben davongekommen zu sein.
Wie surreal muß es ihnen da vorkommen, an dieser Küste entlang zu fahren, auf der sich halb Europa in unbegrenztem materiellen Reichtum vergnügt? Die glitzernde Welt der Hotels, die Massen an Touristen, die am Strand in der Sonne liegen und die dicken Yachten um die herum, die wahrscheinlich mehr kosten, als sie in ihrem gesamten Leben jemals verdienen werden.
Wie es der Zufall so will, wird im Dossier der morgen erscheinenden ZEIT (Nr. 41) ein Artikel über die Bootsflüchtlinge stehen, die Tenerife erreichen. In 2006 waren es 30.000 Menschen und mittlerweile schlägt ihnen von Seiten der Bevölkerung eine häßliche Fremdenfeindlichkeit entgegen. Ein Lösung des Flüchtlingsproblems ist nicht in Sicht.
Die meisten Flüchtlingsboote scheinen weit aus dem Süden, aus Mauretanien zu kommen. Sie liegen damit ziemlich genau auf Gegenkurs zu uns, wenn wir auf die Kapverden zuhalten. Die allgemeine Empfehlung bei der Sichtung eines solchen Gefährts ist Abstand zu halten und das Weite zu suchen. Die Leute an Bord seien aufgrund ihrer Lage zu allem fähig.
Zwischenfälle von Yachten mit Flüchtlingsbooten sind uns allerdings nicht bekannt und es ist uns angesichts der menschlichen Tragödien auch schlichtweg zu einfach, sich so zu verhalten. Was wir im Ernstfall tun werden, wissen wir noch nicht. Man kann eigentlich nur darauf hoffen, keinem Boot zu begegnen und wenn wohl, werden wir vor Ort entscheiden, was wir tun.
Den Rest des Tages sind wir ziemlich niedergeschlagen und kreuzen nachdenklich gegen einen NO 5 an nach Las Palmas. Die letzten 1,5 h müssen wir im Dunkeln motoren und durchfahren dabei eine stinkende Kloake. Ob hier das Abwasserrohr von Las Palmas endet?

Obwohl sich unser Kurs über den Tag um 90 ändert, dürfen wir alles kreuzen.


Als wir gerade dabei sind, alles für's Ankern zu klarieren, begegnet uns ein Schlepper, der mit Vollgas auf die Reede zuhält. Wir müssen uns gut festhalten, als die etwa freibordhohen Wellen Apelia zum Taumeln bringen und gucken schaudernd zu, wie sie in der Dunkelheit, gespenstisch still auf das Ankerfeld zurollen. Aus der Ferne sieht es aus, wie wenn eine Bowlingkugel die Kegel durcheinander wirbelt, so wild rollen die Yachten und wir sind uns sicher, das die Besatzung eines Katamarans aus den Kojen geflogen ist.
Angesichts dieses asozialen Verhaltens der hiesigen Schlepper wagen wir uns lieber in die Höhle des Löwen und machen am geschützten Meldesteg der Marina fest. Ins Ankerfeld bekommt uns hier niemand!


Donnerstag, 08.11.2007 (173. Tag)

Morgens ist im Hafenbüro höfliche Diplomatie angesagt. Ich ziehe mir meine besten Klamotten an und gebe mein bestes. Das Mädchen von der Rezeption ist freundlich, bekommt aber vom Hafenmeister ein kurzes "no" und das war's. Angesichts dieser völlig fehlenden Motivation beschließen wir, uns extra viel Zeit mit der Abreise zu lassen, frühstücken in aller Ruhe und gehen den Tag entspannt und langsam an. Nach einer halben Stunde steht der Hafenmeister plötzlich neben uns. Ich mache mich auf eine Standpauke gefaßt, da sagt er uns, dass wir für eine Nacht am alten Rettungsboot längsseits gehen dürfen. Aber nur für eine Nacht.
Der Tag ist gerettet und wir nehmen uns vor, ihn nicht untätig verstreichen zu lassen. Jetzt, wo wir einmal den Fuß in der Tür haben...
Schon morgens beim Hafenmeister traf ich die Landcrew des ORMA 60 Tris "Gitana 11". Die Klasse ist in Frankreich extrem populär und die Besatzungen werden dort gefeiert wie Stars. Die Boote sind 18 m lang und breit und in meinen Augen gehören sie zu den wildesten Gefährten, die auf diesen Ozeanen herumsegeln. Gitana 11 nimmt momentan am Transat Jacques Vabre statt und hat sich eines ihrer Schwerter abrasiert. Sie ist auf dem dritten Platz und die Landcrew sucht jetzt verzweifelt nach einem Platz für den Austausch. Hier im Hafen scheint man allerdings keine Ahnung davon zu haben, was für eine Perle momentan auf Gran Canaria zuhält und weist den dreien erst nach langer Diskussion einen Platz vor Kopf eines Steges zu.

Gitana 11 zu Besuch.


Mit Staunen über den ORMA 60 Tri, Einkaufen und Packen vergeht der Tag dann leider schneller als gewollt und plötzlich ist es Abend. Ich habe nachmittags noch unser neues Dinghy mit neongrüner Farbe einzigartisiert und den neuen Namenszug draufgeschrieben. Für den Abend ist die Taufparty mit anschließenden Tapas geplant und Judith soll die Taufpatin sein. Das Fest müssen wir dann aber spontan zur Hippo rüber verlegen. Ihre Stopfbuchse leckt und sie müssen regelmäßig lenzen. So testen wir das neue Boot schon vor der Taufe, als wir zu dritt mit dem gesamten Essen rüber paddeln. Sagen wir mal so: Es geht, aber es ist eindeutig ein Zweimannboot.
Mittags fragten wir Pedro, den Tankwart und die gute Seele des Hafens, ob er Cava im Shop hätte. Hatte er nicht, aber er bat uns, ihm in den Vorratsraum zu folgen, wo ein halbtrockener Freixenet lag. Und den hat er uns geschenkt! So können wir die Taufe also richtig zelebrieren, als Judith unsere neue Gummiwurst auf den Namen Pasito Blanco tauft. Das war der Name des Orts, wo Apelia lag, als wir das Dinghy kauften und da der Name Apelia von einer griechischen Badebucht stammt, fanden wir die Wahl für das Dinghy nur fair. Ach ja, und was noch dazu kommt: Pasito Blanko bedeutet etwa sowas wie "kleine weiße Passage". Kann es noch treffender kommen?


Freitag, 09.11.2007 (174. Tag)

Heute ist leider der Abschied von Peter. Wie immer mit unserem Besuch hätte auch Peter gerne noch bleiben dürfen, aber er muß wirklich heim, denn morgen und übermorgen darf er den Bunnycheckercup mit seinem F18 segeln. Herrlich, bei 6 Grad C im Trocky auf dem Trampolin hocken... :o)
Es gibt allerdings heute so viel zu regeln und zu tun, dass wir leider kaum Zeit füreinander finden. Da es bzgl. unseres Liegeplatzes langsam eng wird, macht Steffi ein wenig "blondes Haar Diplomatie" und bittet Pedro um Hilfe. Er regelt die Sache dann weiter und nach wenigen Minuten bekommen wir einen Platz an einem Privatsteg, wo wir scheinbar zwei Wochen liegen dürfen. Wir zahlen zwar das doppelte wie normal, aber bei 12 EUR kann man wirklich nichts sagen. Es ist auch immer noch weniger als in den anderen Häfen.
Wir sind ganz aufgedreht vor Glück und so fällt der Abschied von Peter zum glück nicht ganz so deprimierend aus, wie bei unserem bisherigen Besuch. Am Busbahnhof steht der Flughafenbus schon bereit und so bleibt keine Zeit für Trübsal, als Peter damit um die nächste Ecke verschwindet. Vielmehr blicken wir auf 12 schöne gemeinsame Tage zurück, sind aber jetzt auch angefüllt mit Motivation für die kommenden zwei Wochen.


Samstag, 10.11.2007 (175. Tag)

Die kommenden Tage sind angefüllt mit Wartungsarbeiten und Basteleien am Boot. In etwa zwei Wochen wollen wir los und Apelia soll für die großen Sprünge tiptop in Ordnung sein.
Unser größtes Problem sind momentan die kleinen Lecks an den Fenstern. Die Dichtpaste ist inzwischen aus den Fugen gelaufen und so findet etwa alle fünf Minuten ein Tröpfchen Wasser seinen Weg auf den Navitisch und in die Küche. Das ist zwar so nicht viel, aber auch diese kleinen Mengen bedeuten langfristig ein feuchtes Klima unter Deck, was einfach unangenehm ist.

Ausbau der Fenster.


Zum Glück ist die Reparatur sehr einfach. Nachdem alle Schrauben gelöst sind, lassen sich die Scheiben problemlos von innen herausdrücken. Das Holz darunter sieht trocken aus, also alles in bester Ordnung. Eine Lage Lack und die Fenster können wieder montiert werden.
Die zweite Lack-Geschichte betrifft das Kajütdach: An den Fundamenten der Spinlocks von den Fallen ist Wasser unter den Lack gezogen. Nachdem die Winschen und Klemmen vom Kajütdach demontiert sind, läßt sich der Lack sehr einfach abziehen. Scheinbar haben diese Teile einen ganz neuen Anstrich nötig, die Prozedur kommt also genau zum richtigen Moment.
Neben diesen grundsätzlichen Dingen gehe ich auch noch unser Luxusproblem an: Die Beschallung des Cockpits. Wie neidisch waren wir immer auf die anderen, wo man draußen gute Mucke hören konnte. Inzwischen haben wir unsere wasserdichten Lautsprecher bekommen und ich bohre dafür zwei große Löcher. Das tut schon irgendwie weh, aber was ist man nicht alles bereit zu tun, wenn man später auf wilden Surfs laute Musik hören kann?
Unsere Mails ziehen wir nachmittags in der Sailor's Bar, wo wir Joao treffen und ins Gespräch kommen. Er ist Portugiese, 31 Jahre alt und skippert ganz alleine eine Catana 582. Der Eigner kommt erst kurz vor der ARC mit Freunden an Bord und Joao lädt uns ein, doch mal vorbei zu schauen. Ein 58 Fuß langer Katamaran... Das sprengt im Moment noch unsere Vorstellungskraft, aber wir behalten die Einladung im Kopf.
Um von zu Hause günstig erreichbar zu sein, haben wir uns eine Vodafone Prepaid Karte gekauft. Damit könnt Ihr uns unter folgender Nummer erreichen (aber bitte nicht alle auf einmal): +34-617029456

Sonntag, 11.11.2007 (176. Tag)

Vormittags lackiere ich die erste Lage verdünnten Lack. Danach ist Apelia gesperrt und wir gehen rüber zum Katamaran-Becken und klopfen bei der Safari an. Joao ist mitten am Aufräumen und an Bord herrscht eine tierische Unordnung Besuchen. Wo viel Platz, da viel Unordnung und wir sind tief beeindruckt von dieser Schleuder. Alles ist groß, die Wantpüttings sind martialisch und die Steckschwerter, die maximal 2,5 m Tiefgang erreichen, lassen erahnen, dass die Catanas seglerisch alle anderen Serienkatamarane weit hinter sich lassen. Allerdings ist sie wie alle Fahrtenkats einfach zu schwer: Sie verdrängt 25 t.

Abstechen des Lacks.


Joao zeigt uns jede Ecke und als er hört, dass wir Schiffstechniker sind führt er uns zum Abschluss auch noch in die beiden Maschinenräume. Ein Rumpf ist am Heck immer noch etwa 2 m hoch, da kann man sich schon ganz gut drin bewegen. Wir kommen super miteinander aus und laden ihn zum Abendessen zu uns ein.
Als er um 20:00 zum Boot kommt, verschiebt sich unser Essen allerdings erstmal auf unbestimmte Zeit: Zwei Boote neben uns wird schon seit ein paar Stunden musiziert und gesungen und als die ältere Gesellschaft uns sieht, laden sie uns spontan zu sich an Bord ein. Alle sind schon ein wenig angeschickert und begrüßen uns überschwenklich. Jeder bekommt ein Getränk und Kuchen in die Hand gedrückt und damit sind wir in die Gruppe integriert. Sie singen als Amateure und das hört man. Es klingt super! Mitten unter ihnen sitzt ein blinder Mann, der sogar professionell Gitarre spielt. Nachdem sie ihm unter lautem Gelächter sein Whiskyglas und die dicke Zigarre entwunden haben, klampft er los und wir bekommen ein geniales Privatkonzert geboten. Soli wechseln sich mit Gruppengesängen ab, teilweise wird der Takt geklatscht oder gestampft und es herrscht eine Bombenstimmung. Sie singen spanische und portugiesische Volkslieder, die im Gegensatz zu unseren keine sich so eindeutig wiederholende Melodie haben und meistens von Fischern und Liebeskummer handeln. Aber sie gefallen uns richtig gut, erinnern ein wenig an die Musik vom "Buenavista Social Club".
Das letzte Lied, bevor wir uns zum Abendessen verabschieden, gefällt mir vom Text am besten: Es handelt von einer Maus, die zuviel getrunken hat und jetzt übermütig die Katze herausfordert. So nach dem Motto "probier's doch, komm her, ich stehe hier und warte, trau Dich!"


Montag, 12.11.2007 (177. Tag)

Heute ist der große Lacktag: Die erste unverdünnte Lage wird auflackiert. Ich will alles richtig machen und spanne die Persenning über's Boot. Direkte Sonneneinstrahlung soll man beim Streichen und Aushärten vermeiden. Außerdem besorge ich mir einen frischen, teuren Pinsel und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Einziger Wehmutstropfen sind kleine Gasbläschen, die teilweise im Lack eingeschlossen bleiben. Bei diesen Temperaturen hätte ich den Lack wahrscheinlich etwas verdünnen müssen. Zur Sicherheit maile ich Holger aus Flensburg an, den wir bei uns in der Bootshalle als wahren Maler-Meister kennengelernt haben.
Mittags lernen wir eine neue Frucht kennen. Sie sieht aus wie eine glatte Artischocke, hat schwarze, Bohnengroße Kerne, die man nicht ißt und schmeckt sensationell gut nach einer Mischung aus Banane, Birne und Melone. Hat jemand eine Ahnung, wie das Ding auf Deutsch heißt?

Wie heißt diese Wunderfrucht?


Mittags zieht Nachmittags schließe ich die neuen Boxen an. Jetzt fehlt uns nur noch ein Kabelschacht für die Kabel. Wenn die vier Lacklagen an den Löchern ausgehärtet sind, kannd ie Party draußen steigen!

In 25 m Höhe.


Abends ist ARC-Party und Joao nimmt uns als seine Crew mit. Wir wollen gerade losgehen, da klopft unser Bootsnachbar an und schenkt uns 8 Fische, die er heute gefangen hat. Mangels Wind hat er geangelt, aber seine Frau wolle heute keinen Fisch. Also will er ihn uns schenken. Seine Augen glänzen vor Begeisterung und so bringen wir es nicht über's Herz "nein" zu sagen. Er zeigt mir noch wie man sie entschuppt, aber sie sind wahnsinnig widerborstig und ich steche mir mehrmals die Finger an den Flossen blutig.

Frischer Fisch vom Spanier.


Am Ende legen wir alle Fische bei Joao auf Eis und gehen zu Party, wo wir mit der Crew des einzigen japanischen Boots in Kontakt kommen, auch einem Katamaran. Als Joao ihnen sagt, dass wir jetzt Fisch essen gehen, fassen sie das als Einladung auf und kommen breitwillig mit. Der Alkohol hat auch bei ihnen schon deutlich gewirkt. Sie sind ganz gesellig und tapern wie Kinder auf der gesamten Safari herum, öffnen hier und da einen Schrank oder wühlen in den Unterlagen. Eine völlig andere Kultur und wir sind uns zwischenzeitlich nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee war. Joao kennt die Fische zum Glück und weiß, wie man sie zubereiten muß. Mein Ding sind sie nicht, aber den anderen schmeckt es. Den Japanern merkt man es durch ihr Schmatzen an.


Dienstag, 13.11.2007 (178. Tag)

Ich weiss noch nicht, wann wir hier den nächsten Bericht einstellen. Momentan nutzen wir die Zeit für die Vorbereitungen am Boot und wenn sie abgeschlossen sind, geht es ans Bunkern. Steffi hat schon Inventur gemacht und meinte, wir könnten los. War natürlich ein Scherz. Es fällt uns nicht besonders leicht, für so lange Zeit das Essen zu planen. Vor allem, da wir auch den Müll reduzieren wollen. Aber wir gehen systematisch vor und das haben ja auch schon viele andere geschafft.
Wenn Überraschungen ausbleiben, wollen wir gegen Ende der nächsten Woche zu den Kapverden aufbrechen. Von den Kanaren haben wir jetzt einfach erstmal genug und wollen weiter. Die Überfahrt wird etwa eine Woche dauernd und nach einer Woche Aufenthalt kommt dann der große Sprung (gut 2000 nm) über den Atlantik nach Barbados. Spannend, doch wir freuen uns schon darauf, diesen Test anzugehen und zu bestehen.
Jetzt herrscht aber erstmal Funkstille!

"Apelia out".